Experts have been unable to understand the origin of the practice of routine male circumcision. Most of the literature shows no awareness of phimosis - its frequency - or the sexual and erectile problems which can be cured by circumcision. If routine circumcision had been introduced for this most obvious reason of eliminating difficult foreskins; then the importance of an alternative modern method, suitable to our culture's attitudes in this day and age, would be clear.

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FELIX BRYK
"Die Beschneidung bei Mann und Weib"

Gustav Feller. New Brandenburg. (l93l)
TEIL EINS
S. 71 - 98


SUMMARY
Full Index

Teil Eins
Page 92 - 120
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Philos 6 Punkte - (RS hilfes anleitung)
1 - gonorrhoea
2 - smegma, reinhaltung
3 - mimetische Herz
4 - fruchtbarkeit
5 - sünde zu hemmen
6 - fördern demut vor Gott
Vorhaut als trophäe
Opfer.. (Blut kult...psychologie)
S. 71
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ERKLÄRUNGSVERSUCHE

Die Erklärungen über Zweck und Ursache der Beschneidung die hier in einer Zusammenstellung ausführlich angeführt werden, bieten ein glänzendes Beispiel von der Vielseitigkeit des menschlichen Kornbinierungs-Vermögens, der überschwenglichen Phantasie, aber auch gleichzeitig ein Dokument für die ambivalente Giltigkeit von kasuistischen Schlußfolgerungen. Demzufolge ergänzen oft die mannigfaltigen Deutungen dieser immer noch rätselhaften Operation nicht nur einander, sondern sie widersprechen einander völlig; nur einige Beispiele: die Beschiteidung habe den Zweck, die Masturbation unmöglich zu machen (Sachtleben) oder das Gegenteil, sie begünstige die Masturbation (Salomon). Sie führte zur Päderastie, oder sie sei ein Präventivmittel gegen sie (Risa), sie mache den Menschen keusch - oder das Gegenteil, sie sei zur Raffinierung des Geschlechtsaktes eingeführt, usw. usw.

Je nach der subjektiven Einstellung des betreffenden Autors, bezw. der einzelnen Völker, wird das Problem der Beschneidung gestellt und beantwortet und es gibt wohl keinen krasseren Gegensatz in der Bewertung dieses Brauches, als wenn er von einer Seite als etwas geradezu Göttliches gepriesen und von anderer Seite als etwas Barbarisches (Levit) verworfen wird. Hier handelt es sich aber in erster Linie nicht um ethische Urteile, die denKern der Sache nur verschleiern können; die Fragestellung darf nur lauten: wie ist der Mensch auf den

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Gedanken gekommen, gerade den Penis zu verstummeln? Was gab den ersten Antrieb dazu? Wie sich dann allmählich mit der Verbreitung und Entwickelung der Beschneidung das Bild der Auffassung über ihr Wesen abändert, wie ursprünglich nebensächliche Motive den ursprünglichen Antrieb völlig verdrängen, das ist für den Psychologen von ungeineinem Interesse, bringt uns aber dem Kern der Frage nicht näher. Man muß aber die verschiedenen Auffassungen kennen, ehe man sich an die Beantwortung unserer Fragestellung hieranwagt, daher lasse ich in einen Historischen Überblick die einzelnen Autoren zu Worte kommen. Ich beginne mit Phio, dem hellenistischen Juden aius dem ersten Jahrhundert nach Christi Geburt.

Philo nennt "mehrere Gründe, die diese alte Sitte aufrecht zu erhalten bewogen haben", vor allem aber vier:
"Erstlich, um eine sehr schwere und schwierig zu heilende Krankheit, die - vom brennenden Schmerze und der Entzündung, - wie ich annehme -, Karbunkel genannt wird, zu verhüten, eine Krankheit, der Unbeschnittene leichter unterworfen sind.
Zweitens wegen der völligen Reinlichkeit des Körpers, die der priesterlichen Ordnung geziemt, weshalb auch die höchsten ägyptischen Priester mit Sorgfalt ihre Körper pflegen, denn unter den Haaren sowie unter den Vorhäuten bleibt angesammelter Schmutz kleben, der dort entfernt werden muß.
Drittens damit dieses beschnittene Teilchen eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Herzen habe: beide Organe dienen nämlich dem Schaffen von Neuem. Ist doch der Geist, der im Herzen wohnt, das Organ der Erkenntnis ebenso wie die Geschlechtsteile der Lebewesen ein Organ der Erkenntnis sind. Darum hielten es die Alten für billig, diesen sichtbaren Teil, von dem das körperlich-sinnliche herstammt, jenem verborgenen edleren Teil, der Quelle des geistigen Sinnes, ähnlich zu machen.
Weiter liegt der vierte und zwar allerdringendste Grund in der Sorge um die Fruchtbarkeit und um eine reichliche Nachkommenschaft. Man sagt doch, daß der Samen geradeaus ohne Störung (l) ejakuliert werden kann und daß er sich nicht

1) Bastide berichtet von einer durch die 0peraion der Beschneidung eheilten Sterilität. (Rawitzki in Glasberg, S. XVIII.) (B.)

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in den Falten der Vorhaut verläuft: so strotzten ja auch die beschnittenen Völker vor Fruchtbarkeit und so seien sie auch die volkreichsten. Das sind die Gründe, die zu meinen Ohren gelangten, überliefert von göttlichen Männern, die die Lehren Mosis gründlich erforscht haben.

Aber außer den gesagten Gründen für die Beschneidung glaube ich noch zwei wegen ihrer großen Bedeutung aufzeigen zu sollen: einmal die operative Entfernung der Begierden, die den Geist belästigen. Denn da unter allen Reizen der Begierden der Beischlaf des Mannes mit dem Weibe die erste Stelle einnimmt, habendie Gesetzgeber befohlen,das Instrument, das jenem Zusammensein dient, zu verstümmeln, in dem sie darauf hinwiesen, daß diese gewaltige Begierde gehemmt werden müsse, und indem sie versprechen zu können glaubten, daß nicht bloß diese eine Begierde, sondern durch jene gewaltige alle gehemmt würden. Zweitens damit sie dadurch ermahnt würden, sich selbst zu erkennen und die Anmaßung, jene schwere Krankheit der Seele, abzulegen. Manche rühmensich gewissermaßen wie Bildner, sie könnten das schönste Lebewesen schaffen und hierauf stolz, geben sie sich in ihrem Übermut für Götter aus, indem sie gar Gott als Autor der Schöpfung leugnen. Dabei hätten sie doch diesen Irrtum korrigieren können, wenn sie sich das andere angeschaut hätten, womit sie sich beschäftigen. Viele Männer unter ihnen sind ja steril (bezw. viele Frauen unfruchtbar), die aus untüchtigem Beischlafe kinderlos ergreisten. Diese verkehrte Auffassung muß aus der Seele ausgemerzt werden, wie auchalles Übrige, das irgendwie der Frömmigkeit widerstrebt."

Der lateinische Text lautet: Philo kennt "causas permultas, quae suadeant hoc priscorum institutum tueri et conservare, sed quattuor praecipuas. Unam, ut caveatur morbus gravis & curatu difficilis, quem vocant carbunculum, ab urendo, ut opinor, cuminflammatione sic apellatum, qui morbus praeciputiatis facilius innascitur. Alteram ob integram corporis puritatem qualis congruit sacerdotali ordini,- quamobrem etiam sumrnâ cum curâ radunt corpora Aegyptii sacrifici; quae enim expurgari debent sordes collectae, sub pilis & praeputiis haerent. Tertiam, quod cordis similitudinem quandam habeat circumcisa haec particula: ambae enim generationi serviunt. Est enim spiritus in corde habitans

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notionum organon, sicut & animalium genitalia. Ideo Prisci aequum censuerunt occultae illi potiorique parti ceu fonti sensuum animi, adsimilare hanc visibilem, unde sensibilia generantur. Quarta porrò causa eaque summe necessaria, est cura foecunditatis & numerosae sobolis. Aiunt enim, ita semen recta ejaculari integrum, nec diffluens per sinus praeputii: & ideo circumcisas gentes foecunditate pollere esseque populosissimas. Haec sunt quae ad aures meas pervenerunt, tradita per manus à divinis viris, qui Mosis placita diligenter investigârunt. Equidem praeter jam dictas rationes per circumcisionem significari arbitror duo quaedam valde necessaria: unum, excisionem voluptatum quae mentem fascinant. Quoniam enim inter omnes voluptatum ilecebras principatum tenet viri congessus cum muliere, instrumentum his congressibus serviens Legislatores mutilari jusserunt: innuentes resecandam voluptatem nimiam, non unam tantum hanc, sed omnes per unam vehementissimam subindicantes. Alterum verò, quo moneantur se ipsos nosse, et abjicere arrogantiam, gravem morbum animae. Quidarn enim velut praedari fictores, jactant se posse hominem animalium pulcherrimum producere,& inflati hac superbia gerunt se pro diis, vero autore generationis Deo dissimulato, cum tamen eum errorem, consideratis aliis quibuscum versantur, potuissent corrigere. Multi enim sunt inter eos viri steriles, (infoecundae etiam mulieres multae) qui ex congressibus imbecillibus consenuerunt in orbitate. Haec igitur- prava opinio excidenda est ex anima, sicut & caeterae quaecunque pietatis repugnant."

Das Merkwürdige an dieser Schrift von Philo, die nicht nur einen der ersten Erklärungs-Versuche in der Geschichte der Beschneidung darstellt, sondern gleichzeitig eine Fülle von anregenden Gedanken in und auf die Frage wirft, ist, daß Pliilo sich dessen bewußt ist, daß er nichts über das Motiv, den Grund der Beschneidung aussagt, sondern über die Motive ihrer Beibehaltung. Er spricht bereits von einem alten Brauch, den er als gegeben darstellt: er stellt uns also genau so wie das Alte Testament vor ein fait accompli: "Geh,beschneide das Fleisch deiner Vorhaut." Was aber der Sinn der Beschneidung ist, warum gerade der Penis zum Zeichenträger des Bundes mit Gott gewähltwird, das muß Abraham wissen. Philo weiß dies jedenfalls nicht.

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Wir werden nun die sechs Punkte, die Philo als die wesentlichen für die Beibehaltung des Beschneidungs-Brauches hervorhebt, einzeln besprechen.

Philo Punkt 1:
Der erste Punkt der Erklärung befaßt sich wie auch die anderen eigentlich. nicht mit der Aufdeckung des Grundes, sondern berichtet über die sanitären Folgen der Operation, behandelt somit denaus ihr erwachsenden Nutzen. Diese Auffassung, die nach Trusen (p. 118) dem Geist der Bibel widerspricht, da eine solche Veranlassung nicht erwähnt wird,1) ist heute die meist verbreitete und erfreut sich besonders unter den Ärzten einer besonderen Popularität. Nach Collin (p. 9) beruht der Nutzen der Beschneidung in:
a) Vorbeugung von Paraphimose und Phimose.
b) Vorbeugung von Eicheltripper.
c ) verliert die Eichel durch die frühzeitige Entblößung ihre allzu hohe Empfindlichkeit, durch welch letztere leicht Pollutionen und Onanie entsteht. Diese Empfindlichkeit wird bei Unbeschnittenen auch häufig durch eine reizende Beschaffenheit des Smegma's bedingt, welche unwillkürlich zu Friktionen nötigt.
d) geringere Empfänglichkeit für Syphilis. Welchen Anteil hierbei die Moralität hat, sei dahingestellt.
e) Blutungen, welche durch die Zerreißungen des Bändchens der Vorliaut beimBeischlaf zu entstehen pflegen, ist der Beschnittene nie ausgesetzt.
f) Krankheiten der Eichel, etc. sind leichter zu erkennen und zu behandeln.

Diese schöne Liste von aus der Beschneidung für den Operierten erwachsenen Vorteilen hat auch die Ärzte dazu veranlaßt, eine allgemeine Beschneidung auch unter den Nichtjuden in Europa wie Amerika zu propagieren (Remondino).

1) Trusen schreibt: "Auch würde die Beschneidung, wenn sie dieser Ursache ihre Entstehung verdankte, in späteren Zeiten bei den in allen Climaten der Erde zerstreuten Juden gewiß schon längst in der Wahrnehmung untergegangen sein, daß andere Völker ohne dieselbe eben nicht größeren Gefahren durch örtliche Krankheiten der Vorhaut ausgesetzt wird; denn dergleichen zufällige und immer nur sporadische, vorübergehende Affektionen der Vorhaut, wie der Eicheltripper, die Phymose und die Paraphymose, sowie die Zerreißung des Bändchens bedurften keines so allgemeinvolkstümlichen Schutzmittels, das überdies nur für jenes tropische Klimaberechtigt sein könnte, für den kindlichen Organismus aber keineswegs ohne Gefahr ist."

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Daß die Beschneidung wenigstens demPeniskarzinom nicht vorzubeugen vermag, hat neulich Sanipoerno nachgewiesen. Unter 78 Karzinomen bei Javanern wurden 7 Peniskrebse festgestellt. Sampoerno sagt:
"Die Ansicht, daß die Beschneidung vor dem Karzinom des Penis schützt, ist demnach nicht aufrecht zu erhalten, da bei den Javanern ebenso wie bei den Juden die rituelle Beschneidung in Form von Zirkumzision rituell ausgeführt wird."

Bloch (p. 421) begründet die Einwirkung der Beschneidung auf die Resistenz 'oder sogar Immunität 'des Penis gegenüber venerischen Krankheiten wie folgt: "Ist die vorhaut durch beschneidung entfernt worden, so hört damit auch jene Absonderung auf und die Eichelschleimhaut wandelt sich in eine derbe, allen Reizen und Infektions-Erregern weniger zugängliche Haut. Es ist kein Zweifel, daß die Beschneidung bis zu einem gewissen Grad ein Schutzmittel gegen die syphilitische Ansteckung ist, während sie freilich gegen Tripper nicht scliützt."

"Eine weise, sanitäts-polizeiliche Maßregel" nennt sie Rosenzweig von diesem Gesichtspunkte aus nicht mit Unrecht.
Man muß aber ein schlechter Kenner der Mentalität des primitiven Menschen sein, um nur einen Augenblick im Ernste annehmen zu können, daß ihn hygienische Motive zur obligaten Einführung einer generellen Präventivmaßregel bewogen haben könnten. Es unterliegt keinem Zweifel, daß operative Eingriffe an der Vorhaut schon in grauer Urzeit aus medizinischen Gründen ausgeführt wurden, denn sicher ist schon damals die angeborene Phimose 1) aufgetreten, die sich auf diese Weise manifestiert, daß die pliysiologische Loslösung des inneren Vorhautsblättes von der Eichel nicht stattfindet oder die Vorhauts-Öffnung derart verengt ist, daß sich das Präputium über die Eichel nie zurückziehen läßt.

Auch die erworbene Phimose und Altersphimose (Stickler) dürfte damals, wie noch heute in der Heilkunde, operativ beseitigt worden sein. Nach Schepelmann genügt freilich oft auch

1) Busch hat uns eine genaue Beschreibung der Phimose undihrer operativen Entfernung gegeben. Er behauptet: "Da bei den Orientalen die Phimose fast eine nationale Eigentümlichkeit ist, so erhob Moses die Beschneidung zu einer religiösen Vorschrift und auch Mohammed ließ diese Vorschrift für die Bekenner des Islambestehen."

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ein Längsschnitt (incisio), wobei eine "Schürzenbildung" entsteht, bei Säuglingen kommt man sogar mit einer "manuellen Dehnung" der Vorhaut aus. Ja, ich würde sogar so weit gehen, anzunehmen, daß die erste Beschneidung auf Erden aus rein medizinischen Gründen erfolgt ist, wobei dahingestellt sein mag, ob sie ein Steinzeitmensch oder Ägypter,1) wie es Ebers haben möchte, ersönnen hat. Aber es widerspricht der primitiven Denkensart, diese gelegentlich vorkommende Operation in die kultischen Gebräuche zu verankern. Ich verweise u. a. auf Eylmann.

1) Ein Volk von so eminent medizinischer Begabung, wie die Ägypter, war vor allem anderen wohl geeignet, eine so heilsame Maßregel, wie die Beschneidung, zu ersinnen."

Eylmann (p. 119-120) erörtert zunächst den hygienischen Nutzen der Beschneidung.
"In betreff der Circumcision ist man gemeiniglich nicht um eine Antwort verlegen. Wie bei Völkern der andern Erdteile, so soll auch bei den Urbewohnern Australiens die häufige Entzündung des inneren Präputialblattes und der Eichel (Balanoposthitis) die Veranlassung gegeben haben, die Vorhaut zu entfernen, um dadurch die Ansammlung des Talgdrüsen-Sekretes zu verhindern. Dieses Sekret übt nämlich, wenn es sich zersetzt, leicht einen so starken Reiz auf die Schleimhaut aus, daß sich dieselben entzünden. - Mich befriedigt diese Erklärung nicht. - Die Entzündung tritt amhäufigsten in den ersten Jahren 2) nach dem Beginn der Geschlechtsreife auf, aber keineswegs sehr häufig; auch pflegt sie nur dann stärkere Schmerzen zu verursachen, wenn die Vorhaut so eng ist, daß der Eiter sich nicht gleich einen Weg nach außen zu bahnen vermag. Unter Umständen führt sie aber, wie ich nicht unerwähnt lassen darf, zu einer starken Schwellung der Vorhaut (entzündliche Plimose und Paraphimose). Ferner wird die Vorhaut infolge häufigen Beischlafes 3). bedeutend

2) Die Richtigkeit dieser Behauptung ist noch nachzuweisen! Eine Entzündung tritt vielmehr, falls keine Phimose vorliegt, nur bei Kindern, die ihre Eichel noch nicht denudiert haben, auf. Ich habe in Zentralafrika nur einen Fall von Paraphimose beobachtet: der Patient war höchstens fünf Jahre alt.Es war dies bei den Maragoli; die Mutter zeigte uns das wimrnernde Kind, dessen entblößter Penis eine sehr entzündete Eichel mit zurückgezogener Vorhaut hatte. (B.)

3), Und vor allem infolge vorhergehender manueller Manipulation. (B.)

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weiter, so daß sie sich mit der größten Leichtigkeit zurückstreifen läßt. Bei vielen Männern bedeckt sie übrigens nur noch ausnahmsweise die Eichel. Die Zeit, wo ihr Vorhandensein von nennenswertem Nachteil sein kann, wenn ich mich so ausdrucken darf, ist also sehr kurz. Bei einigen Personen ist allerdings die öffnung so eng, daß der Beischlaf Schmerzen verursacht, und selbst das Urinieren nicht leicht von statten geht. Fälle dieser Art"...*.... "treten aber so selten auf, daß wir sie bei unseren Erörterungen unberücksichtigt lassen können."

* Eylmann writes: "Fälle dieser Art - sie erheischen gewöhnlich einen operativen Eingriff, da durch den Geschlechtsverkehr keine wesentlich Besserung erzielt wird - treten aber so selten auf," (RS.)

"Dies sind die Gründe, weswegen ich die Frage: Ist es wahrscheinlich, daß ein Naturvolk, wie das australische, das gegen körperlichen Schmerz viel unempfindlicher ist, als wir, durch das verhältnismäßig geringfügige, und nicht besonders häufig auftretende Leiden veranlaßt worden ist, eine Sitte einzufahren, durch die eine größere Summe von Schmerzen und Ungemach erzeugt wird, als durch das Leiden selbst, mit nein beantworte.

"Meiner Meinung nach ist diese Verunstaltung des Penis eine Art Abzeichen des Männerbundes, und sollen die bei ihrer Vornahme verursachten Schmerzen, wie viele andere Quälereien vor der Mannbarkeits-Erklärung, dazu dienen, die Jünglinge durch Einschüchterung zu willenlosen Werkzeugen der Ältesten zu machen. Daß man das Abzeichen nicht an anderer Stelle anbringt, darf uns nicht wunder nehmen, da ja die männlichen und weiblichen Geschlechtsteile sich unter allen Völkern einer größeren Beachtung erfreuen, als die meisten übrigen Teile des Körpers. Überdies muß ja mancher, möge er einem Kultur- oder Naturvolke angehören, auf den Gedanken kommen, daß die Vorhaut für einen Erwachsenen ein überflüssiges Gebilde sei, wenn er sieht, daß sie bei Knaben stets die Eichel umschließt, bei Männern Hingegen dieselbe sehr oft ganz unbedeckt läßt, und es dann den Anschein hat, als sei sie geschrumpft, dem Schwunde anheimgefallen. Dazu kommt noch, daß das Geschlechtsglied gewissermaßen in Beziehung zur Mannbarkeitserklärung steht, da der Jüngling durch dies ja die Berechtigung zu einer Ehe erlangt.

"In dem oben Gesagten bin ich von der Voraussetzung ausgegangen, die Sitte, die Vorhaut zu entfernen, sei ohne Beeinflussung von außen im Lande entstanden. Natürlich ist nicht ausgeschlossen, daß Fremde sie eingeführt, oder die Vor-

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fahren der australischen Urbewohner sie schon vor der Wanderung nach dem fünften Erdteile von einem anderen Volke übernommen hätten. Aber auch in diesen Fällen wird ihr Ursprung nicht wesentlich von dem angenommen abweichen; kommen doch bei vielen Naturvölkern Jünglings-Weihen vor, die denen der Australier in mancher Hinsicht sehr ähnlich sind." ...

Auch Christus soll vom medizinisch-hygienischien Zwecke der Beschneidung überzeugt gewesen sein, das schließen die Deuter aus folgender Stelle.

"Wenn ein Mensch die Beschneidung am Sabbath empfangen darf, damit das Gesetz Mosis nicht übertreten werde, was zürnt ihr über mich, daß ich einen ganzen Menschen am Sabbath gesund gemacht habe?"

Hier setzt Christus das Heilen des ganzen Körpers dem Beschneiden entgegen; die Beschneidung sollte, - so wird gefolgert -, nach Christi Ansicht nur ein einziges Glied, den Penis, gesund machen.1) (Salomon, p. 22-23.)

1) Diese Argumentierung erscheint mehr als gesucht. Beschneidung und Gesundmachen sind hier in diesem Zusammenhange keineswegs als Antithesen aufzufassen. Die Beschneidung wird doch an keinem Kranken ausgeübt, der gesund gemacht werden soll - kranke Kinder dürfen bei den Juden überhaupt nicht beschnitten werden. Der betreffende Passus wäre also zu verstehen: wenn am Sabbath die Beschneidung, die sich nur auf einen Teil des Körpers bezieht, ausgeübt werden darf, um wie viel eher soll da nicht das Heilen eines ganzen Körpers am Sabbath gestattet sein?

Über einen tötlichen Ausgang beim Ägypier Apion infolge Eicheltrippers und Infektion nach der operativen Behandlung des entzündeten Gliedes berichtet Josephus Flavus

"Daher scheint mir Apion mit Recht wegen seiner Verhöhnung der vaterländischen Gesetze eine passende Strafe erlitten zu haben, denn die Noth hatte ihn gezwungen, sich beschneiden zu lassen, indem an seinem Schamgliede (seiner Eichel) eine Verschwärung entstand, und da die Beschneidung ohne Erfolg war, vielmehr Putreszenz eintrat, so starb er unter fürchterliehen Schmerzen." (Salomon, p. 23.)

Die ganze Hypothese über den prophylaktischen Zweck der Beschneidung nur deshalb fallen zu lassen, weil sich diese Operation etwa den venerischen Krankheiten gegenüber als wirkungslos erwiesen hätte, geht nicht an: wie viele Heilmethoden sind

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grundfalsch oder ohne Erfolg und wurden trotzdem ursprünglich aus medizinischen Erwägungen eingeführt. Wenn also Sudhoff die Einführung der Beschneidung aus hygienischen Gründen heute davon abhängig macht, ob die Syphilis in der alten Welt bodenständig war oder erst aus Amerika eingeführt wurde, sie also im ersten Falle als in einem Kausal-Zusammenhange stehend ansieht, im Falle eines amerikanischen Importes der Syphilis jedoch verwirft, so zeigt dieses ganze Räsonnement, wie wenig Rücksicht auf das prälogische Denken der Primitiven genommen wurde ... und wie wenig ernst die prophylaktische Zweckmäßigkeits- Hypothese zu nehmen ist.

Sudhoff schreibt: "Daß die Beschneidung der Juden aus Ägypten überkommen ist, steht heute außer Zweifel, ebenso ihre Herkunft für beide Geschlechter aus dem innersten Afrika. Das würde ihr natürlich ihre objektive Bedeutung nicht nehmen, so wenig wie jedem anderen Brauch, der in völlig differenten Gedankenkreisen wurzelt, deshalb seine Wirkung in der Richtung der Hygiene abgestritten werden kann, weil ihm die subjektive hygienische Prägung abgeht. Aber die hygienische Bedeutung der Beschneidung des Mannes im Altertum wird mit dem Tage gering, an dem die Nichtexistenz der Syphilis vor Kolumbus in der alten Welt, wie heute allgemein angenommen wird, bewiesen ist. Angeborene Bildungsfehler, wie die Phiniose, als Argument für eine generelle Beschneidung des Mannes anzuführen, heißt die Frage auf ein anderes Gebiet verschieben. Die auf dem gleichen kultischen Boden erwachsene Beschneidung der Frau hat noch niemals jemand als hygienische Maßnahme proklamiert. Daß das Judentum nicht auch diesen ägyptischen Tempelbrauch übernahm, erklärt sich leicht daraus, daß die Frau im Tempelkult der Juden damals keine Rolle spielte, ja den Tempel gar nicht betreten durfte: es liegt aber noch die Frage nahe, ob im Volke Israel eine Periode gewesen ist, in der nur der Priesterstamm beschnitten war, oder ob von Anfang an das gesamte Volk durch seiner Beschneidung als ein priesterliches charakterisiert werden sollte."

Philo: Punkt II.
Philo: Punkt II. fällt eigentlich mit dem ersten insoferne zusammen, da er sich ebenfalls auf hygienische Natur, die der Reinhaltung der Eichel,

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bezieht. Es handelt sich also nur um eine Detail-Frage: die der Zersetzungs-Möglichkeit des Smegmas. Das Smegma, früher als Drüsenprodukt aufgefaßt, heute nach Stickler, aus abgeschuppten und verfetteten Epithelzellen bestehend, kann leicht zu Entzündung führen, weil es eine reichliche Fauna von Mikroben - es wurden schon 25 Arten nachgewiesen (Eberth) - beherbergt, für die es einen geeigneten Nähr-Boden abgibt. Daraus entsteht in Warmen Ländern

"besonders in der Sonne eine pathologische Sekretion eines fettigen übelriechenden Stoffes an den Geschlechtsteilen, der fähig ist, sie zu reizen und am demselben Ausschläge oder krankhafte Ausflüsse hervorzubringen." (Terquem, p. 6.)

Es können sich auch infolge Verhärtung der irn Vorhautsacke angehäuften smegmatischen Epithelzellen Vorhautsteine, calculi praeputiales, bilden, die bei Reinhaltung der Eichel durch Beschneidung unmöglich sind.

Wie bei der Ablehnung des ersten Erklärungspunktes muß auch in diesem Einzelfalle, trotz des offenkundigen Nutzens, aus den mitgeteilten Gründen (Eylmann, Sudhoff) der hygienische Grund des Beschneidungsgedankens fallen. Als typischen Repräsentanten für die hygienische Auffassung der Grund-Idee führe ich Risa an.

"Das Vorhandensein des Präputiuins verhindert die gründliche Reinhaltung des Gliedes. Die Folgen dieser Unreinlichkeit, die sich namentlich in den heißen Klimaten bemerkbar machen, sind in ihrer gewöhnlichen Form wohlbekannt als Balanitis und Balanoposthitis mit ihren Folgezuständen. Das sind nicht nur örtlich pathologische Veränderungen wie die entzündliche Phimose als solche, die Bildung von Präputial-Steinen, die spitzen Kondylome, die Adhärenzen zwischen Glans und Präputium, die Urinverhaltung mit ihrer Rückwirkung auf Blase und Niere u. a., sondern sie spielen vor allem auf das physische wie soziale Gebiet hinüber: der Reiz, der durch die Entzündung der vorderen Penis-Teile gesetzt wird, führt zur Erektion und zur Auslösung der Ejakulationen, zu Enuresis, zur Onanie und Pädastrie mit ihren psycho-pathologischen Rückwirkungen und in letzter Linie zu Sittlichkeitsverbrechen."

Ein weiser muselmanischer Schriftsteller sagt: "Gerade diese tiefen, den Menschen beeinflussenden Wirkun-

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gen sind es, welche die muselmanischen Gesetzgeber in Rechnung ziehen und zur Begründung der strengen Durchführung der Beschneidung ausführen."

Das sind die fürchterlichen Folgen des Vorhandenseins des Präputiums, bezw. des Unbeschnittenseins, wie sie uns der türkische Arzt Nuri Bey (Risa, p. 586) in seiner tendenziösen Übertreibung grell schildert. Der Weg führt von der ungewollten Erektion über Päderastie zum Sittlichkeitsverbrechen! Das ist schon dantesk! Wie würde da bei dieser Perspektive das Sittenbild bei den Unbeschnittenen aussehen müsseni? Man denke nur an die unbeschnittenen afrikanischen Stämme, die wie eingesprengte Inseln zwischen den sie umgebenden Beschnittenen lagern! oder an uns Europäer. Wir hören weiter, daß

"schon die Dehnung und das Einreißen des Bändchens bei dem Koitus durch die Schmerzhaftigkeit den Geschlechtsgenuß herabsetzt und den Erfolg hindert. Wichtiger ist der Einfluß auf die Frau. Bei den Beschnittenen treten in der Haut der Glans gewisse Veränderungen ein, besonders an den Kraus'schen Körperchen, welche die Empfindlichkeit der Glans herabsetzen; die hinter dem Präputium verborgene Eichel bleibt, auch wenn sie nicht durch entzündliche Vorgänge, wie oben erwähnt, überreizt wird, viel sensibler und somit erfolgt beim Koitus die Ejakulation bei Unbeschnittenen rascher, oft ehe das Wollustgefühl der Frau ihren Höhepunkt erreicht hat. Wenn auch feststeht, daß dies nicht unbedingt zum Eintritt der Gravidität gehört, so begünstigt es doch unbedingt denselben und macht vor allem die Frau der Wiederholung leichter willig, wodurch die Möglichkeit des Erfolges erhöht wird. Die Dauer des Koitus und damit das höhere Reizgefühl beim Weibe ist also bei Beschnittenen erhöht. Es ist bekannt, daß bei einzelnen Negerstämmen die Weiber von ihren Männern nur aus diesem Grunde die Beschneidung verlangen und nur Beschnittenen sich hingeben" 1)

1) Wenn auch diese mir nicht bekannte Begründung zutrifft, so hat das Sichnicht-hingeben an Unbeschnittene ganz andere Motive, als sie Risa (p. 588) angibt. Der Unbeschnittene gehört einem anderen Stamme an und Vorschriften oder ein anderer eingebürgerter Gebrauch allein wurden schon bei der Negerin jene von Risa hervorgehobene Abneigung hervorrufen. (B.)

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Ein frommer Muselmann äußerte sich Risa gegenüber so:
"Die Herabsetzung des Geschlechtsreizes ist es gerade, was die Beschneidung bezweckt. Die Überreizung setzt die Menschen auf gleiche Stufe mit dem Tier, treibt ihn zu verwerflichen moralischen Verirrungen und tragischen Verbrechen. Indessen würde die gänzliche Abschaffung des Geschlechtsgefühles die Menschen zu unorganischen Wesen machen. In allen Dingen ist Mäßigung das Beste. Wir Männer genießen gerade genug den Koitus.'

"Auch die übrigen Vorwürfe, die man der Circumcision gemacht hat, das Auftreten von Metritis durch Länge des Koitus, Neuralgie, die sich an der unbedeckten Glans lokalisiert, schmerzhafte Erektionen infolge der Narbe, narbige Paraphimose, leichteres Angefressenwerden , durch Schanker' usw. sind hinfällig, da sie eben nicht zutreffen, falls die Circumcision lege artis ausgeführt wird. Auch der Vorwurf, daß die mangelnde Reizbarkeit der Glans zur Pädastrie führe, um die Reizbarkeit wiederzugewinnen, fällt in sich zusammen, wenn man bedenkt, daß mindestens in gleicher Weise die nicht beschnittenen Völker am Mittelmeer diesem Laster 1) fröhnen."

1) Hier widerspricht sich Risa. Früher erfuhren wir, daß das Unbeschnittensein zur Päderastie führe, jetzt wird zugegeben, daß auch der Beschnittene sich ebenso homo-erotisch betätige wie der Unbeschnittene. (B.)

Philo: Punkt III.
Hier wird Nutzen mit dem Motive nicht verwechselt. Gleichviel, ob Philos Argument überzeugend wirkt oder ob es von einer unmittelbaren naiven Vorstellung getrieben wird; was uns Philo hier vorträgt, ist wirklich ein Motiv: es handelt sich darum, dem Penis, bezw. seiner Glans, ein plastisches Aussehen zu verleihen, das einem Vorbilde ähnlich gemacht wird - in diesem Falle dem Herzen. Also ein mimetisches Motiv. Wenn auch das gewählte Vorbild in einer doktrinärethischen Vorstellungswelt zu suchen ist, die schon eine sehr hohe Seelenkultur voraussetzt und unmöglich zeitlich mit der Erfindung oder Einführung des Beschneidungs-Brauches zusammengefallen sein kann, so steckt in der ganzen Gedankenolge ein sehr plausibles Argument, dem wir auch bei anderen Autoren (Teßmann, Bryk,) später spontan begegnen. Nicht

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das Herz war es, das nachgebildet werden wollte und sollte, sondern der Phallus (der eregierte Penis).

Philo: Punkt IV.
Diesen bezeichnet Philo als "summa necessaria causa": die Sorge, um die Fruchtbarkeit und, um eine reichliche Nachkommenschaft. Als Beschnittener kennt Philo die Funktion der Vorhaut während der Kopula nicht, sonst würde er nicht behaupten, der Samen verlaufe sich beim Unbeschnittenen in den Falten der Vorhaut. - Die Auffassung, daß die Beschnittenen bei weitem fruchtbarer als die Unbeschnittenen sind, tritt auch bei vielen späteren Autoren auf. Wolfsteiner hat sogar eine ganze Disputation dieser Frage gewidmet; er behauptet mit Spencer, daß "gentem circumcisam ad sobolem procreandam magis esse idoneam quam christianam" (p. 21), aber den Grund hiervon sieht er vor allem in der Tatsache, daß die Juden sich früher verheiraten.

Schon Flatt bezweifelt die Richtigkeit dieses vierten Punktes: "daß die Sitte der Beschneidung seye auch durch die (an sich freilich unbegründete) Meinung von einem heilsamen Einfluß derselben, auf die Gesundheit des Körpers und vorzüglich auf die Fruchtbarkeit begünstigt worden." (v. Autenrieth,. p. 55).

Wenn alle beschnittenen Völker fruchtbarer als die unbeschnittenen sind, was noch nachzuweisen bleibt, so erfolgt daraus noch keineswegs, wie es uns die Punkte 1 und II ebenfalls klar gezeigt haben, daß die Beschneidung dieser ihrer nützlichen Wirkung ihren Ursprung verdankt. Vielmehr liegt die Fruchtbarkeit der Beschnittenen in der Spezialisierung der Sexualtechnik mit ihren Folgen und in der Regelung des, Geschlechtstriebes: die Möglichkeit einer Empfängnis wird dadurch eine wahrscheinlichere.

Das hat auch Dubois Reymond eingesehen:
" ... daher verdanken die Juden dem Entfernen des Präputiums und der vernünftigen Regelung des Geschlechtslebens in und vor der Ehe, ihre Vorzüge vor den Christen...",
und deshalb forderte er eine obligate beschneidung der Christen. Philo schließt in diesem Falle wieder vom Effekte, vom Nutzen der Beschneidung auf ihr Motiv!

Philo, Punkt V.
Die Beschneidung operiere auch gleichzeitig die sündhaften Be-

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gierden weg. Es ist mir nicht bekannt, daß Beschnittene weniger sinnlich als Unbeschnittene wären; das bekannte Haremsbild der Türken imponiert uns keineswegs durch seine Sittlichkeit. Durch die Beschneidung wird im Gegenteil das sinnliche Moment betont, der Geschlechts-Akt nur raffiniertes, gemacht. Der berühmte jüdische Arzt Maimonides vertritt ähnliche Ansichten, wie sie Philo in den Punkten IV, V, VI bekanntgegeben hat.

"Die Hemmung des Geschlechtstriebes, welcher insbesondere die Völker wärmerer Klimate durch Wollust ins Verderben 1) zieht, die Mäßigkeit und Keuschheit, das scheint auch der Hauptzweck des Gebotes der Beschneidung zu sein."

1) Reine Phantasien, die dem Tatbestande nicht entsprechen. (B.)

Nossig beruft sich dabei auf Maimonides, der bei Verherrlichung der jüdischen Moralität, folgendes sagt:
"'Ich glaube, daß einer der Grunde der Beschneidung die Verringerung des Geschlechtsverkehres und die Schwächung des Geschlechtsorganes sei; es gilt darum, die Tätigkeit dieses Organes zu beschränken und es möglichst in Ruhe zu lassen. Der wahre Zweck der Beschneidung war, dem Geschlechtsgliede einen derartigen körperlichen Schmerz anzufügen, welcher die natürliche Funktion desselben und die Fruchtbarkeit des Individuums nicht lähmen kann, aber der die Gewalt der Leidenschaft und die allzugroße Begehrlichkeit mindert. Ein Glied, welches man nach der Geburt bluten läßt, indem man ihm seine Bedeckung wegnimmt, wird ohne Zweifel geschwächt." (Maimonides, Moreh Nebuchim, - 111. Kap. XLIX).

Maimonides motiviert seine ganz unhaltbaren Ausführungen mit einem Spruch aus dem Talmud, (Bereschith rabba, Sect. 80. f. 70. col. 3): -
"Das (jüdische) Weib, das sich mit einem Unbeschnittenen in Liebe eingelassen, kann sich nur schwer von ihm trennen. 2)" "Dies ist aber nach meiner Ansicht die bedeutendste Veranlassung der Beschneidung",
schließt Maimonides seine Betrachtungen. Auch andere Ärzte wie Fallopius haben diesen Gedankengang über den Zweck der Beschneidung vertreten

2) Da spielen ganz andere Momente mit; können doch oft auch Arierinnen, die sich mit einem Beschnittenen eingelassen haben, ihn nicht lassen. (B.)

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"eam ob causam a Deo circumcisioinem esse inperatam, ne populus sibi delectus voluptatibus venereis nimis indulgeat, hisce delectationibus cultus divisus negligeretur." (Wolfsheimer, p. 28).

Es war demzufolge die allgemeine Auffassung, daß die Beschneidung die Sinnlichkeit vermindere, eine Auffassung, die später widerlegt wird. Das ethische Moment, wie es Moses, Philo, Maimonides infolge, der Verdrängung ihrer Triebe ursprünglich als Motiv der Beschneidung vorgeschwebt hat, soll keineswegs als vorhanden in Abrede gestellt werden; es könnte aber nur bei hochspezialisierten Kulturen, wie der israelitischen, zur Tat getrieben haben, nicht aber bei den vom Dämon des Phallischen völlig beherrschten Primitiven, die ja die Beschneidung ersonnen und von denen die alten Israeliten sie direkt oder auf Umwegen übernommen haben.

Philo: Punkt Vl.
Religiöse Gottesfurcht, die eine Kontrolle über das Animalische postuliert. Verschiebung des Schöpfungsaktes von sich auf ein göttliches Wesen. Also in gewissem Sinne ein Siegel, das sich in die prälogische Gedankenkette des Totemismus mit seinen Übertragungen einreibt. Dieser asketische Zug ist gewissermaßen auch in der Idee der Weihe vorhanden, wie sie von den späteren Mythologen vertreten wird.

Von den Kirchenvätern gibt Sedulius von Hybernia (zwischen 400 und 440 n. Chr.) einen ähnlichen Erklärungsgrund, indem er meint, daß die Beschneidung zu einer recht reinen Zeugung und sexuellen Fortpflanzung nötig sei. (Glasberg, p. 220.)

Sehr originell ist v. Autenrieths Erklärungsversuch, der den Ursprung der Beschneidung von der barbarischen phallischen Sitte gewisser Völker ableitet, die die Geschlechtsteile erschlagener oder sogar gebender Feinde als untrügliche Siegestrophäe mit sich nach Hause bringen, sich aber gleichzeitig gegen den Verdacht, daß dieses Siegeszeichen etwa von den eigenen auf dem Schlachtfelde Gefallenen geplündert wäre, sicher stellen. Also ein strategisches Erkennungszeichen in der Art des weißen Bandes auf der Mütze des fiktiven Feindes während der Manöver.

Der Penis (als Symbol der Männlichkeit) läßt sich leichter nach Hause bringen als andere Extremitäten des Feindes wie: Schädel, Skalp, Arme, Hände. über die Verbreitung dieser

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uralten Kriegersitte, besonders in Ostafrika, hat ausführlich Marie Bonaparte (p. 25-26) berichtet. Diese Sitte der Phallotomie ist selbst bei uns in Europa nicht ganz ausgerottet. Kraus berichtet hierüber:
"Montenegriner pflegen auf Heerungen ihre Gefangenen zu entmannen und deren Zumpte als Amulet mit sich zu tragen. So mancher Kämpe ist mit einer ganzen Schnur solcher Amulete versehen. Die Bandenkämpfe in Mazedonien, die seit Jahren Europas Diplomatenkunst auf die härteste Probe stellen, wären vielleicht längst schon erloschen, ließen die jeweiligen Sieger vom leidigen Brauch ab, ihre gefangenen Gegner zu verstümmeln und damit endlose Rachezüge heraufzubeschwören. Auch im sizilischen Mythos ' ist von ähnlichen Verstümmelungen die Rede" (Dulaure, p. 184.)
"Überall, also bei ganz verschiedenen Völkern, tritt die Beschneidung., so weit sie ursprüngliche Sitte ist, auf in Verbindung mit der Gewohnheit, den erschlagenen Feinden die Geschlechtsteile, um die eigene Furchtbarkeit in der Schlacht damit unwiderleglich zu beweisen, auszuschneiden. (s. Autenrieth, p. 38.)

Diesen Worten lohnt es sich, Zaborowskis Behauptung entgegenzuhalten:
"II n'y pas une preuve, en effet, ni dans l'histoire de l'Egypte, ni dans les livres sacrés des Juifs et des Chrétiens, qu'une liaison quelconque ait d,abord existé entre la phallotomie et la circoncision."
Daß die Phallotomie in Ägypten bekannt war, darüber erzählt uns das Grabmal des 0symandrios, auf dem neben abgehackten Händen auch eine Menge abgeschnittener unbeschnittener männlicher Ruten abgebildet ist. .(Auteurieth.) Auch den Israeliten war dieser Brauch nicht fremd. Ich erinnere an König Sauls Befehle, David möge ihm hundert Vorhäute (l) der Philister liefern, was David prompt ausführte.

1) Offenbar handelt es sich hier um eine pars pro toto; wobei wohl gleichzeitig das Wort Vorhaut = "unbeschnittenes Membrum" zu bedeuten hat. Ich bezweifle überhaupt, daß die alten Israeliten unter dem Begriff "Vorhaut" das Präputium verstanden haben. Diese morphologische Unterscheidung war den damaligen Völkern sicher unbekannt Gott spricht zu Abraham von einem "Fleisch der Vorhaut". Es handelt sich offenbar, um die Spitze (= Fleisch) der Hautdecke (= Vorhaut) oder die des unbeschnittenen Penis.

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Daß zwischen ursprünglicher Kriegsführung und Phallotomie ein gewisser Zusammenhang besteht, wird niemand leugnen können, ebenso zwischen der Beschneidung und dem Kriegertum. Aber es ist ein Fehlschuß, wenn man daraus auch aufi einen bestehenden Kausalnexus zwischen Beschneidung und Phallotomie schließen wollte. Die größte Schmach, die einem Manne angetan werden kann, ist und war seit jeher: ihn seines Zeugungsgliedes zu berauben. Die Kastration als Strafe ist noch heute bei vielen Völkern üblich (Czekanowski, Hartmann, Pelikan), ja als Racheakte einzelner Individuen selbst in den Kulturstaaten Europas nicht vergessen. Ich erinnere nur an den schrecklichen Fall aus der Nachkriegszeit in Südschweden, wo ein Mädchen ihren Bräutigam, der sein Eheversprochen nicht einhalten wollte, mit Beihilfe ihrer Mutter kastriert hatte. Sie hat den zeugungsgliedlosen Mann später freilich geheiratet. Schließlich verleitet der Sadismus das Weib zur Kastration.
. "Die Entmannung und Verstümmelung von feindlichen Soldaten auf den Schlachtfeldern oder von Revolutionskämfern nach dem Barrikadenkamfe durch Weiber stellen sich wohl nicht als reine Lustmorde dar. Treibendes Motiv ist kaum Geschlechtslust, sondern politischer Fanatismus. Daß man sich gerade an den Geschlechtsteilen des sterbenden Gegners vergreift, entspricht wohl einem dunklen Rachegefühl der entarteten Weiblichkeit dem ohnmächtigen Mann gerade an dem Gliede, das bei Frauen so viel Unheil anzurichten pflegt; das bei der Ausführung dieser sadistischen Handlungen Geschlechtserregungen mit geweckt und ausgelöst werden können, mag zutreffen. (Wullfen.)

Anläßlic des psycho-analytischen Erklärungsversuches werden wir noch auf die Phallotomie zurückkommen.
Da Mannbarkeitsalter gleichzeitig eine Voraussetzung für die Waffendienstfähigkeit ist und in der Regel (oder ursprünglich) nur mannbare Jünglinge beschnitten werden, so mußte der Begriff des Beschnittenseins mit dem des Kriegers zusammenfallen.Und bei vielen ostafrikanischen Stämmen heißt demzufolge der Jüngling vom Tage seiner Beschneidung an, "el moran" oder "moreniu" (Nandi, Massai, Suk, Elkoyni, Kikuyu). Das "strategische Merkmal", wie Autenrieth das Beschnittensein auffaßt, wurde aber mit dem Tage bedeutungslos, an dem sich beschnittener Feind und beschnittener Freund im Felde

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gegenüberstanden und das Unterscheidungs-Merkmal wegfiel. Im Grunde ist das Beschnittensein, in der Autenrieth'schen Deutung, nur ein Spezialfall eines sozialen Gemeinselizifts-Abzeichens.

Nach Herbert Spencer steht die Beschneidung ebenfalls im Zusammenhang mit der Strategie als ein
"Zeichen der Unterwerfung, um die Todesstrafe bei überwindung von Kriegern abzuschaffen." (Hastings, p. 666.)

Sehr verbreitet. ist die Auffassung, daß die Beschneidung zum Zeichen der Weihe oder sogar als Ersatz eines Opfers vollzogen wird. Trusen faßt diese Interpretation des Beschneidungsbrauches wie folgt zusammen:
"Meiners, Boettiger, Vatke stimmen darin überein: die Beschneidung als einen Rest der alten Menschenopfer, die Weihe eines Körperteils statt des ganzen Leibes zu betrachten. "Das naturfeindliche Princip trug man auf das oberste nächtliche Gestirn, den Saturn über, wie man dem 'Sonnengott die belebende schöpferische Kraft beimaß. Man wollte sich dem Gotte weihen, seines Schutzes sich versichern. Die vollständigste Weihe war das ganze Opfer. Um dieses aber nicht an sich vollziehen lassen zu müssen, brächte man den edelsten Teil des Körpers, das Zeugungsglied dar, das der schaffenden Naturkraft besonders heilig war. Die Leichtigkeit, sich auf diese Weise dem Gotte zu weihen, dehnte mit der Zeit die Beschneidung auf ganze Städte und Völker aus. Moses beschnitt seinen eigenen Sohn nicht, Jehovah mußte Gewalt brauchen, damit er beschnitten werde; in der Wüste wurde die Beschneidung nicht ausgeführt, zu Davids Zeiten aber war sie schon allgemeine Sitte, wie man aus den 100 Vorhäuten der Philister entnehmen darf. Noch heute ist es bedeutsa`m, daß bei der Beschneidung eine große Kerze brennen muß und die abgeschnittene Vorhaut nicht überall in Staub oder Sand vergraben, sondern in vielen Gemeinden auch verbrannt wird, was auf ein Opfer hinweist. Auch wird die Beschneidung an dem Tage verrichtet, an dem man die Erstgeburt darzubringen hatte, nämlich am achten Tage. Man wählte diesen Tag, an welchem die Erstgeburt sterben mußte, nur um die Beschneidung mit dem Opfer des Kindes, das sie vertreten sollte, in die genaueste Beziehung zu bringen. Dem Knaben wird durch die Beschneidung das Leben, welches

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Jehovah gehört, erst eigentlich wiedergeschenkt. Nach Beendigung der Ceremonie taucht der Rabbiner den Finger in einen Becher mit Wein, steckt ihn dem Kinde in den Mund und spricht: ."Gott sprach zu Dir: lebe!" Auch saugt derselbe das Blut aus der Schnittwunde und man wäscht sich damit: ein Rest der Bestreichung mit dem Opferblute durch die Priester, so wie ersteres des Versöhnens mit Gott. Um es weniger widerlich zu machen, wird das Wasser, worin es träufelt, mit narcotischen Ingredienz.en gekocht. Auch in rabbinistischen Schriften wird die Beschneidung sehr deutlich als ein Ersatz für ein wirkliches Opfer aufgefaßt und dein Beschneidungsblute dieselbe Wirkung, wie dem Opferblute, zugeschrieben. Der Bund der Beschneidung wird allen Opfern gleich geachtet. Abraham legt die sämtlichen Vorhäute seiner Hausgenossen.auf einen Haufen, der Geruch der faulenden Häute stieg wie der Rauch von Gewürz, von Weihrauch auf dem Feuer zum heiligen Gott empor. Auch neuere, Rabbinen sahen den Ursprung der Beschneidung in dem Bestreben, die Menschenopfer durch mildere Einrichtungen zu verdrängen.

Auci wir sind entschieden der letzteren Ansicht und weit entfernt, in die Meinung derer einzustimmen, welche mit profanem Munde die Worte des Herrn in der uns Christen heiligen Schrift deutend, die Beschneidung für eine rein menschliche Erfindung zur Förderung sozialer Zwecke ausgegeben, und die für die Völker des Orients einen bloß physischen Nutzen habe. Wir halten dieselbe vielmehr für die höchst sinnig-religiöse Umwandlung der bis zu Abrahams Zeiten allgemein gebräuchlichen Menschenopfer, die Weihe eines Körpertheiles statt des ganzen Leibes zu betrachten. Geboren zu Ur in Chaldäa, ungefähr 2000 v. C. hielt sich Abraham schon in seines vaters Tarah Hause stets fern und unbefleckt vor der dort herrschenden Abgötterei, und in dieser schon frühzeitig in Abraham wurzelnden Abneigung vor Abgötterei und Menschenopfern scheint der Keim zu dieser göttlichen Eingebung zu liegen, welche, indem sie die Abschaffung der Menschenopfer bezweckte, zugleich ein Bündniß sein sollte, um sich und sein ganz Volk dem Ewigen zu weihen und dasselbe, so gezeichnet, vor Vermischung mit andern Völkern zu bewahren. Wenn Abraham bei Einführung der Beschnei-

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dung als Opferakt die Idee der Abschaffung der Menschenopfer vorgeschwebt hat, so kann es uns gleichwohl nicht Wunder nehmen, daß er später selbst seinen Sohn Isaak, nach göttlicher Eingebung, zu opfern bereit war, da dasselbe als Versöhnungsopfer für die erzürnte Gottheit so nothwendig erschien, um seinem in Gottesfurcht schwankenden Volke den höchsten Beweis der Selbst-Aufopferung zu geben und es in der Anbetung und dein Willen Jehovahs zu befestigen. Wir finden unsere Ansicht aber um so mehr bestätigt, wenn wir erwähnen, daß das Fundament des ganzen ägyptischen Cultus, nämlich die befruchtende Natur, welcher insbesondere im Isis-Dienste hervortrat, den Juden bekannt war und, wenngleich in anderer Form, von ihnen verehrt wurde. Die Capitäle der ägyptischen Baudenkmale symbolisieren in zwei ritualen Säulenordnungen das Fundament des ganzen ägyptischen Cultus, nämlich die befruchtende Natur: in dem die eine Ordnung den aufrecht stehenden Phallus, als das Symbol der Zeugungskraft, die andere Säulenform durch ihre Säulen-Capitäle die Vulva, als Emblem der Empfängnis, beide unter Analogie der menschlichen Genitalien ,mit der Eichel und dem Lotuskelch darstellt. Der Ritus des ägyptischen Isis-Dienstes forderte insbesondere die Verehrung des damals nicht unanständigen Morion's, als Sinnbild des organischen Lebens, enthielt aber auch die Verbindung des Weibes mit der listigen Schlange, und ebenso, wie hieraus Mosis adamitische Versuchungs Allegorie zu dem Genuß der verbotenen Frucht wahrscheinlich später in die Bibel übergegangen sein mag, so erscheint es nicht unwahrscheinlich, daß auch früher Abraham, mit Bezug auf den Cultus des ägyptischen Isis-Dienstes und aus eben der Verehrung des Sinnbildes alles organischen Lebens, die Beschneidung seines Volkes, als Opfer-Akt abgeleitet um durch die Weihe des edelsten Theiles menschlichen Leibes die Weihe des ganzen zu ersetzen. Die Beschneidung -war bei den Israeliten deshalb allgemein für Jedermann, weil das ganze Volk als ein priesterliches gelten sollte." (p. 121-124: Trusen, J. P.)

Laut Ghillany
"waren in der Religion der alten Hebräer Menschenopfer prävalierender Theil des Cultus und der ursprüngliche Gott der aIten Hebräer Moloch gewesen, dem alle erstgeborenen Kna-

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ben geopfert werden mußten. Mit dem Auftreten des Jehova - Kultus wurde, der Knabenmord verpönt und zur Erinnerung desselben die Beschneidung eingesetzt, so daß die Beschneidung als Ersatzmittel für die Menschenopfer gelten soll."

Durch die Beschneidung wurde die Menschenopferidee abreagiert. Auch Nork äußert sich in ähnlichem Sinne:
"Der Jehova-Cultus, oder die israelitische Religion unterscheidet sich von den genannten Idolen (Moloch) blos dadurch, daß er die Phallus-Verehrung, d.h.. die Anbetung des Schöpfers in dem Organ des männlichen Gliedes durch das Gebot der Beschneidung zu ersetzen suche."

Meiners (p. 467) drückt sich schon konkreter aus, da er aus einer uralten Blutopfersitte die Beschneidung leichter ableiten konnte:
"Man verwundete neugebohrne Kinder zur Versöhnung der Götter an allen Theilen der Cörpers, vorzüglich an den. Zeugungsgliedern, weil man diese als die Werkzeuge des Daseyns und der Geburt der Kinder ansah, am allermeisten an der Vorhaut, weil diese doch mit den geringsten Gefahren eingeschnitten oder verstümmelt werden konnte."

Ferner (p. 479) heißt es:
"Unter den meisten 1) Völkern beschnitt man die Kinder bald nach der Geburt, unter anderen hingegen um die Zeit, oder kurz vor der Zeit der Pubertät. Man hielt, wie ich gezeigt habe die Reife und Verheiratung von Kindern für glückliche Begebenlieiten, bey welcher man eben so wohl, als bey der Geburt von Kindern, die Götter zu versöhnen suchen müsse."

1) Ganz vage Behauptung. (B.)

Böttger (p. 55 (2)), vertritt Meiners Ansicht, doch zieht er als Sukkus aus diesem Opferkulte sein "ceterum censeo":
"... alles hängt mit dem Phallus zusammen."

Ich könnte noch mehrere Autoren anführen, die die Beschneidung als einen Teil-Ersatz für einstmalige blutige Kindes-Opfer ansehen. würde aber nur immer in anderer Form einen und denselben Gedanken wiederholen, der leider von der ganz falschen Voraussetzung ausgeht, daß ursprünglich Säuglinge oder kleine Kinder beschnitten wurden, eine Voraussetzung, die aus dem

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hochspezialisierten Beschneidurigsbrauche der Israeliten geholt wurde. Nun sind sich heute alle Autoren, selbst die Theologen, darin im klaren, daß die Säuglingsbeschneidung ein Derivat der ursprünglichen Jünglings-Beschneidung ist.- mithin fallen alle Spekulationen über die Ersatz- Idee des Kinder-Opfers, wenigstens in dieser Form, wie sie von den angeführten Mythologen vertreten wird, in sich zusammen. Die Opfer-Idee braucht deshalb nicht geleugnet zu werden, aber sie hat mit dem Beschneidungsbrauche ursprünglich nichts zu tun gehabt, konnte aber mit der Zeit eine Hauptbedeutung erlangt und den ursprünglichen Sinn verdrängt haben. Für Amerika, wohin die Beschneidung wahrscheinlich nicht erst eingeführt wurde, sondern wo sie auf eignem Boden selbständig entstanden ist, kann jedoch die Opfer-Idee als Antrieb zur Beschneidung angesehen werden, weil dort die Verhältnisse mit ihren Riten ganz anders liegen als in der alten Welt.

Andree II, p. 161-162:
"Die Ansicht, daß das Abschneiden der Vorhaut ein Opfer für die Götter sei ja sogar ein Surrogat für die denselben dargebrachten Menschen-Opfer, ist wiederholt ausgesprochen worden und erscheint für Amerika wenigstens nicht unbegründet. Das Blut, von irgend einem Körperteile entnommen, wurde in Yukatan und Nicaragua von den Oberpriestern auf die Götterbilder gestrichen, gerade so wie das Blut der Menschenopfer, mit dem man in Peru Tempelthüren und Statuen bestrich. In Yukatan und Nicaragua und bis auf den Orinoko beschnitt mani so teils die Zunge, teils die Schamteile, bei den Totonaken Ohren und Schamteile, man sprengte in Nicaragua das Blut aus den Zeugungsteilen auf Mais, der dann verteilt unter großen Feierlichkeiten gegessen wurde. Bei Azteken wurde bloß ein Einschnitt auf der Brust der seit einem Jahre geborenen Knaben sowohl als Mädchen am Hauptfeste des Huitzlipochtli gemacht, wodurch dieselben diesem Gotte geweiht wurden."

Ich möchte Blutritus, noch hie da auch bei Beschneidungs-Zeremonien alten Welt wahrzunehmen ist, natürlich ähnliche Motive, wie sie Andree anführt, zurückführen, aber vielen Fällen entspringt er einer ganz anderen Gedankenwelt als der ursprüngliche Beschneidungsgedanke: hat sich später mit ihm verquickt! Selbst bei den Juden ist die-

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ser Blutritus, trotz ihres notorischen Bluthorrors, deutlich erhalten. So erzählt Bergson (p. 103), und wir hörten Trusen, incredibile dictu, von rezenten Beschneidungsgebräuchen, demzufolge der Mohel das Kind übers Wasser hielt, "damit das heilige Blut hineinfließen und die umstellenden wuschen ihre Gesichter mit diesem Blutwasser," Das Wasser wurde früher mit narkotischen Ingre,dienzien abgekocht. Bei jüdischen Säuglingen, die "unbeschnitten" geboren sind, muß der Mohel :wenigstens "einen Tropfen Blut tropfen machen, zum Zeichen des Bundes".Preuß (p. 283).

Während das zweite Beispiel von symbolischer Beschneidung, das durch eine Vorschrift im Gesetze verankert ist, ähnlich wie die Episode "Moses als Blutbräutigam", evident zeigt, daß der Blutritus als Relikt eines uralten Opferbrauches auch bei den Juden mit der Zeit den phallischen Beschneidungsgedanken verdrängt hat, gehört der erste Fall von gemeinsam vorgenommener "Bluttaufe" in eine ganz andere Kette von psychischen Vorgängen, die sich auch hie und da zerstreut bei anderen Stämmen manifestieren. Hierher gehört vielleicht (?) auch das Aussaugen des blutenden Penis des neubeschnittenen Säuglings durch den Mohel wie auch die später zu erörternde Mika-Operation. All diese Blutzeremonien durch die die älteren Männer.des Stammes mit den jungen Leuten verbrüdert werden, zeig eneinen homo-erotischen Einschlag.

Zur Mika-Operation schreibt Karsch (p. 68).
"Eine andere" (bezieht sich auf wechselseitige Masturbation), "noch wichtigere, fast ausschließlich bei den Austral-Negern beobachtete und für bestimmte Stammgruppen charakteristische Einrichtung steht mit dem gleichgeschlechtlichen Leben dieser Völker in engster Beziehung, erscheint sogar von geradezu erzieherischer Wirkung, die Subinzision (Verstummelung) des Penis. Gewöhnlich wird sie erst nach der Zirkumzision (Beschneidung) vorgenommen. Ihre Erforschung zeigt eine in mehrfacher Hinsicht sehr beachtenswerte Geschichte."

Ich führe nach Reik noch ein anderes Beispiel an und die von ihm daraus gezogene Folgerung, die freilich mit dem später mitzuteilenden Erklärungsversuche der Psycho-Analyse, aus dem sie hier herausgerissen erscheint, verknüpft wird und erst in diesem Zusammenhange verstanden werden kann.

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"Bei den Mara und Anulastämmen läßt man nach der Zirkumzision etwas Blut von der Wunde auf die Männer trapfeln, auf welche der zu Operierende gelegt wird - um eine besonders innige Freuüdschaft hervorzurufen. Beim Urabuna-Stamm werden die Vorhaut und das Beschneidungsmesser dem älteren Bruder des Operierten ausgefolgt und dieser berührt den Magen jedes Nuthi (Mannes, der zu dem Beschnittenen im Verhältnis des älteren Bruders steht) mit der Vorhaut. (1)

1) Spencer-Gillen, The Northern Tribes of Central-Australia, p. 332; man vergleiche mit dieser Zeremonie die Exodus-Erzählung vom überfall Jahwes auf Moses und der Maßnahme Ziporahs.

Auch die bei den Karesau-Insulanern von P. Schmidt beschriebene Zeremonie gehört hierher. "Wir erkennen in allen diesen Riten Formen von Blutsverbrüderung. Die Blutsbünde dieser Art sind uralt und über die ganze Erde verbreitete,(2) doch was sollen sie in diesem Zusammenhange bedeuten? Warum entziehen sich auch die älteren, bereits beschnittenen Männer Blut aus dem Penis?" (Reik.)

2) Vgl. Robertson,-Smith, Lectures on the religion of the Semites, See. edit., London, 1907.

Erinnern wir uns daran, daß diese älteren Männer von unbewußter Vergeltungsfurcht beherrscht, die Kastration beziehungsweise Beschneidung und Einschneidung einführten, und zwar als Sühne für die unbewußten Inzestimpulse der Jungen. Wenn sie also selbst eine Art Kastration durch die Einschneidung an sich ausführen, so vollziehen sie einen Gemeinsamkeitsakt, der sich nur auf die nämlichen psychischen Vorgänge stützen kann:
"es liegt in ihm ein Bekenntnis derselben Wünsche, die sie einst selbst beseelt haben und die sie nun zu solchen grausamen Vorsichtsmaßregeln gegen die Jungen gezwungen haben.. Es liegt darin aber auch eine Sühnung dieser Kindheits-Impulse und eine seelische Annäherung an die jungen Leute." (Reik, p. 108-109.)

Reik (p. 119) kommt auf Grund seiner Forschungen über die libidinösen Vorgänge nach der Urszene im Bruderclan zu folgen.dem Ergebnisse:
"Eine Versagung in der hetero-sexuellen Libidorealisation lag wirklich vor: sie hatte ihren Grund vor allem in der Mehrzahl der Brüder und ihrer daraus resultierenden sexuellen Rivali-

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tät. Die durch das gemeinsame, versagte Libido-Objekt, die Mutter, hervorgerufene Erregung mußte einem neuen Objekt zufließen; sie wurde auf dam männliche Objekt transportiert und so wurden, von einer zweiten Seitie her, die zärtlichen (homosexuellen) Gefühle der Brüder gegeneinander verstärkt."

Die Beschneidung hat nach anderen Autoren einen anderen Sinn: das Blutvergießen wirke prophylaktisch gegen Kakodämone, sei also ein Akt von Exorzismus. In diesem Sinne äußert sich Spencer (p. 40): ..
" Non temere conjicitur Circumcisionem signum § fuisse, et ad Cacodaemonis injurias a personis ornnibus illo charactere munitis propulsandas ex Deo gratià valuisse."

Schon Strabo hat ähnliches behauptet.
Viel deutlicher kommt dieser Gedankengang bei Baronias [Wintzler (p. 6)] zu Worte:
"Jesus sei am achten Tage beschnitten und ihm der Nahme Jesus in der Beschneidung beigelegt worden, durch das Blutvergießen aber, so bey Beschneidung geschehen, habe er das Werk des Teufels zerstöhret unter welche er besonders die schändlichen und teuflischen Gebräuche der Heyden rechnet, welche sie vor allen an dem ersten Jenner (1) trieben."

1) Der erste Januar wird noch bis zum heutigen Tag von der katholischen Kirche als der Tag der Beschneidung Christi "Circumcisio Domini" gefeiert. (B-)

Noch Schrieke vertritt die Ansicht, daß die Beschneidung eine der vielen Ritualhandlungen sei, durch die der primitive Mensch die gefährlichen Kräfte, die sich beim Eintritt der Pubertät zeigen, zu neutralisieren versucht. (p. 398).

Da auch der Phallus-Gott bei den Juden und Christen als ein böser Dämon betrachtet wird, so wird die Beschneidung als "eine Verhütung des Phallusdienstes" aufgefaßt. In diesem Sinne äußert sich der Heilige Thomas. Die Beschneidung wurde eingeführt, um den Phallusdienst wie auch die Mysterien der Venus zu verspotten, sie bei den Israeliten in Mißkredit zu bringen, da durch die Beschneidung eben der von anderen Völkern hochverehrte Teil verändert und gleichsam herabgewürdigt wurde.

Auch bei den Negern soll die Beschneidung, nach Reade, aus dem Phalluskult als phallisches Opfer entstanden sein. Unter Berücksichtigung des breiten Raumes, den der Phallus in

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der Fetischreligion besonders der Westafrikaner einnimmt, wird, wie Reade ausführt, die Verehrung dieses Emblems leicht verständlich in einem Lande, in dem die Männer selten kraftlos, die Weiber selten unfruchtbar sind. (Karsch, p. 125.)

Bei Besprechung des Phallüskultes, auf den wir später kommen werden, wird sich zeigen, daß die Beschneidung gerade im Dienst dieses Kultes steht und ihn keineswegs verhüten will. Auch Benzinger (p. 121) stellt sich auf diesen Standpunkt. Überhaupt ist es sehr wertvoll, wie Benzinger (p. 120) die Beschneidung der Juden in einen Zusammenhang mit der Opferidee bringt: .
"Den Ersatz für den mangelnden Opferkult suchten die Juden in Sabbath-Feier und Beschneidung, denn diese waren nicht an den Tempel geknüpft. So wurde die Beschneidung das Hauptsymbol der jüdischen Religionsgemeinschaft." "Aucli die Symbolik ist sehr durchsichtig, sie ist ein Reinigungsakt (im kultischen Sinne), die Vorhaut ist der Inbegriff der Unreinheit."

Menschenopfer und Beschneidung werden von Reitzenstein folgenderweise psychologisch auseinander gehalten:
"Beide beruhen auf der uralten und bei den meisten Völkern nachweisbaren Doppel-Entwickelung des Opferbegriffes: das Opfer wird entweder vernichtet oder in den Dienst des Gottes gestellt. Die Beschneidung ist die Übergabe an einen Gott: durch sie wird man Web, wird man rein." ("Der Priester heißt ja in Ägypten Web, der Reine.") "Es ist die Weihe zum Priester." (Reitzenstein, 11, p. 9.)

Faßt man das ganze Beweisverfahren zu Gunsten der Menschenopferidee zusammen, so muß man zugeben, daß -mit Ausnahme von Amerika - der Erklärungsversuch, das Beschneidungsurmotiv aus der Entwicklung des Opferbegriffes abzuleiten, versagt. Das Motiv der Beschneidung mit dem Opfer der Erstgeburt in eine kausale Verbindung zu setzen, geht schon deshalb nicht, weil :die Beschneidung von Säuglingen eine sehr späte Errungenschaft der Völker ist. Eine spätere Übertragung des Opfergedankens auf die bereits vorhandene Beschneidung erscheint jedoch sehr wahrscheinlich; manche Blut-Riten sprechen unbedingt diifür, z. B. die symbolische Beschneidung von "beschnitten" geborenen Judenkindern, auch die Schlußworte in

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dem von uns mitgeteilten Segen des Mohels, der den Akt geradezu mit der Opferung des Isaak identifiziert. Daß aber die Opferung selbst bei den Juden nicht das Primäre ist, ersicht man leicht daraus, daß auf den zweiten Akt der Beschneidung, die Periah, das Hauptgewicht gelegt wird: ein Jude, der sich der Periah nicht unterzogen hat, gilt als unbeschnitten. Mit dem ersten Akte, dem Schnitt, wäre ja der Opferidee genügegeleistet, wie der Ausnahmefall bei der Aufnahme der "unbeschnitten" Geborenen in den Bund zeigt.

Manche Blut-Riten lassen homo-erotischen Ursprung annehmen. Auf das soziale Blutopfer, wie Le Roy die Beschneidung auffaßt, werde ich bei Besprechung der Knabenweihen zurückkommen.

An diese Erklärungsversuche, die in der Beschneidung eine Weihe oder einen Ersatz für Menschenopfer erblicken, knüpft die Psycho-Analyse direkt an. Man muß zugeben, daß ihre Disziplin die einzige in der ganzen Beschneidungskunde ist, die wenigstens alle Momente, die uns Mythos und Ethnologie liefern, methodisch berücksichtigt und verwertet hat (1). Bis in das kleinste Detail werden alle Begleit-Erscheinungen der Knabenweihen in das Labyrinth ihrer Phantasien einbezogen und so ein in sich geschlossener Komplex von Tatsachen zugunsten des im Mittelpunkte stehenden Ödipus-Komplexes aufgedeckt. Das Gebäude hat aber nur eine frontale Fassade, ist einseitig, weil die Physiologie der Erektion und die Funktion der Vorhaut überhaupt nicht berücksichtigt wurden, so wenig wie die mit ihr im Zusammenhange stehenden psychischen Vorgänge im Kinde, im mannbaren Jüngling und im reifen Manne. Auch die Entwicklungsmöglichkeiten und die Expansion des Beschneidungsbrauches wurden nicht ganz im Auge behalten.

Da die Psycho-Analyse mit vielen, hier noch nicht berührten Modifikationen der Zirkumzision oder ihrer vikariierenden Formen arbeitet und auch auf die Erklärungsversuche der rationalistischen Richtungen eingeht, so müssen zum besseren Verständnis diese vorausgeschickt werden.

Weiter zum Teil Zwei
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Chapter Three
ANTHROPOLOGY
The Origins of Routine Male Circumcision
Phimosis Through the Ages
Bryk


reference: http://www.male-initiation.net/anthropology/bryk/bryk_de2.html
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